Definition Kindeswohl

Forum zur Diskussion über den vorliegenden Entwurf einer Familienrechtsreform.
werner
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Definition Kindeswohl

Beitragvon werner » 26.10.2012, 11:32

Endlich wurde das bisher so nebulose "Kindeswohl" in eine greifbare "Grunddefinition" gegossen:
§ 138 ABGB hat geschrieben:In allen Angelegenheiten der Obsorge und der persönlichen Kontakte ist das Wohl des minderjährigen Kindes (Kindeswohl) als leitender Gesichtspunkt zu berücksichtigen und bestmöglich zu gewährleisten. Wichtige Elemente des Kindeswohls sind insbesondere
1. eine angemessene Versorgung, insbesondere mit Nahrung, medizinischer
und sanitärer Betreuung und Wohnraum, sowie eine sorgfältige Erziehung des Kindes;
2. die Fürsorge, Geborgenheit und der Schutz der körperlichen und seelischen Integrität des Kindes;
3. die Wertschätzung und Akzeptanz des Kindes durch die Eltern;
4. die Förderung der Anlagen, Fähigkeiten, Neigungen und Entwicklungsmöglichkeiten des Kindes;
5. die Berücksichtigung der Meinung des Kindes in Abhängigkeit von dessen Verständnis und der Fähigkeit zur Meinungsbildung;
6. die Vermeidung der Beeinträchtigung, die das Kind durch die Um- und Durchsetzung einer Maßnahme gegen seinen Willen erleiden könnte;
7. die Vermeidung der Gefahr für das Kind, Übergriffe oder Gewalt selbst zu erleiden oder an wichtigen Bezugspersonen mitzuerleben;
8. die Vermeidung der Gefahr für das Kind, rechtswidrig verbracht oder zurückgehalten zu werden oder sonst zu Schaden zu kommen;
9. verlässliche Kontakte des Kindes zu beiden Elternteilen und wichtigen Bezugspersonen sowie sichere Bindungen des Kindes zu diesen Personen;
10. die Vermeidung von Loyalitätskonflikten und Schuldgefühlen des Kindes;
11. die Wahrung der Rechte, Ansprüche und Interessen des Kindes sowie
12. die Lebensverhältnisse des Kindes, seiner Eltern und seiner sonstigen Umgebung.
Es handelt sich übrigens um eine Aufzählung und keine Rangordnung!


Unklar ist mir nur dieser Teil der Erläuterungen:
Das Kind ist vor weiteren (direkten) Gewalterlebnissen zu schützen; aber auch seine mögliche „Retraumatisierung“ (durch per se nicht gewaltbesetzte Handlungen des Täters) ist bei gerichtlichen Entscheidungen zu berücksichtigen.
Welche "nicht gewaltbesetzte Handlungen" könnten damit gemeint sein?
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Re: Definition Kindeswohl

Beitragvon ulrich » 26.10.2012, 15:22

Kann hier gemeint sein, dass das kind beispielsweise nicht in eine umgebung verbracht werden soll, die einmal beispielsweise gewaltbelastet war?

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Re: Definition Kindeswohl

Beitragvon Nachfolgefrau » 26.10.2012, 18:27

werner hat geschrieben:Unklar ist mir nur dieser Teil der Erläuterungen:
Das Kind ist vor weiteren (direkten) Gewalterlebnissen zu schützen; aber auch seine mögliche „Retraumatisierung“ (durch per se nicht gewaltbesetzte Handlungen des Täters) ist bei gerichtlichen Entscheidungen zu berücksichtigen.
Welche "nicht gewaltbesetzte Handlungen" könnten damit gemeint sein?

Vielleicht die unfähige Befragung durch durchgeknallte DSA oder Gutachter? :mrgreen: Nein, Spass. Oder?
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Re: Definition Kindeswohl

Beitragvon werner » 26.10.2012, 19:36

Meine humorlose Antwort: Es ist von einer Handlung des "Täters" die Rede. (Wollen wir das JA wirklich dazuzählen?)
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Re: Definition Kindeswohl

Beitragvon Nachfolgefrau » 26.10.2012, 23:45

Auch humorlos: Retraumatisierung des Kindes zB auf Grund unprofessioneller oder unpassender Befragung oder Befragung in Anwesenheit des "Täters", wie es in Gerichtsprozessen schon lange vermieden wird (durch kontradiktorische Befragung/Vernehmung).
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Re: Definition Kindeswohl

Beitragvon dgt » 27.10.2012, 08:34

werner hat geschrieben:Welche "nicht gewaltbesetzte Handlungen" könnten damit gemeint sein?

Täter hat Ehefrau und / oder Kind geschlagen. Ausübung des Besuchsrechts ist per se nicht gewaltbesetzt, aber der Täter noch immer da.

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Re: Definition Kindeswohl

Beitragvon werner » 28.10.2012, 15:49

Das würde bedeuten dass ein einmaliges Gewalterlebnis den Täter für immer (zumindest zum Teil) für die Kinderbetreuung disqualifizieren würde? Das kann ja wohl nicht damit gemeint sein.
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Re: Definition Kindeswohl

Beitragvon dgt » 28.10.2012, 16:24

natürlich nicht für immer, ich glaube aber das so etwas gemeint ist.

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Re: Definition Kindeswohl

Beitragvon Christa » 31.10.2012, 20:25

Eine klassische "per se nicht gewaltbesetzte Handlung" ist wohl die Vernachlässigung.
Und die kommt meiner Meinung nach zumindest genauso häufig vor wie echte Gewalt, wenn nicht sogar häufiger ...
... Gehörtes in mir zu bergen und Achtung vor allem zu haben was lebt, und dort die Schönheit zu entdecken wo sie scheinbar nicht vorhanden ist, das ist es wonach ich streben will....

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Re: Definition Kindeswohl

Beitragvon ghost » 05.11.2012, 12:29

Das Kind ist vor weiteren (direkten) Gewalterlebnissen zu schützen; aber auch seine mögliche „Retraumatisierung“ (durch per se nicht gewaltbesetzte Handlungen des Täters) ist bei gerichtlichen Entscheidungen zu berücksichtigen.
Welche "nicht gewaltbesetzte Handlungen" könnten damit gemeint sein?


Wie ist in diesem Zusammenhang der Begriff des "Täters" zu verstehen? M.E. könnte eine traumatisierende, jedoch "per se nicht gewaltbesetzte Handlung" auch die regelmäßige Verweigerung des Besuchsrechts, das ständige Schlechtreden des anderen Elternteils, Pflegemängel, ... inkludieren?

Was sagen die Fachleute dazu?

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Re: Definition Kindeswohl

Beitragvon ghost » 06.11.2012, 09:24

Ergänzend zum vorherigen Posting - mich stört ein bisschen dass der Begriff "traumatisierend" sofort unreflektiert mit Gewalt assoziiert wird. Was alles kann noch traumatisierend sein? Meiner Tochter wird z.B. von der Ex jegliche vorbeugende medizinische Behandlung (ausgenommen Akutfall) verweigert. Das Kind hat inzwischen bereits Angst vor Ärzten entwickelt. Das fällt doch ebenfalls unter Trauma?

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Re: Definition Kindeswohl

Beitragvon Nachfolgefrau » 06.11.2012, 18:13

In den Erläuterungen zum Gesetz steht "Retraumatisierung" gsd unter Anführungszeichen, denn was ein Trauma wirklich ist, hat enge wissenschaftliche Grenzen.

Weiters: Erstens braucht es dazu eine "Ersttraumatisierung", also ein einmaliger Vorfall kann mit "Re-" nicht gemeint sein. Um eine solche "Ersttraumatisierung" festzustellen, werden wohl Gutachter gefragt sein.

Und zweitens kann mit Täter (ohne Anführungszeichen!) juristisch korrekt sowieso nur ein/e rechtskräftig Verurteilte/r gemeint sein.

Ich finde, man sollte bei solchen Erläuterungen jetzt nicht das Gras wachsen hören unde jede Mißachtung des Kindeswohls gleich als traumatisierend sowie nicht jede Angst/Furcht des Kindes gleich als Trauma qualifizieren.

Mich stört bei solchen gesetzeskonform (!) seien sollenden Texten sehr, dass sie nicht "gegendert" werden, also die Herren Gesetzgeber nicht auch von "Täterinnen" sprechen. Aber vielleicht steht irgendwo versteckt der kleine Satz, dass das jeweils andere Geschlecht eh mitgemeint ist... :roll:
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